
Stand der experimentellen Pathophysiologie der Panik
Ein wissenschaftlich interessantes Thema mit einer
Fülle von Untersuchungen und Literatur. Leider nicht für jeden ohne
biologische Kenntnisse im Detail einfach zu verstehen, wenn man das Thema
verständlicher abhandelt, wird der Inhalt allerdings leicht falsch oder nichts
sagend.
Radiologische Forschung
In einer in Deutschland viel beachteten Studie war 1998 eine präfrontale
Liquorraumerweiterung bei Panikstörungen als Hinweis auf einen
hirnbiologischen Vulnerabilitätsmarker beschrieben worden. Dies unabhängig von
Dauer der Symptome oder Behandlung. Auch bekannte Ursachen der
Hirnvolumenminderung wie Alkoholmissbrauch waren ausgeschlossen worden.
Der Befund ist von besonderem Interesse, da, abgesehen von der Zwangsstörung,
die Entstehung von sog. Neurosen nach wie vor hauptsächlich mit psychologisch erfassbaren
abnormen Erlebnisverarbeitungen in Verbindung gebracht wird. Präfrontale
Veränderungen bei Panikstörungen waren schon im neuroanatomischen Modell zuvor
vermutet worden. Die Autoren ordneten dieser Hirnregion die phobischen Symptome
der Störung zu. Immerhin legt die computertomographisch erkennbare Erweiterung
des frontalen Liquorraumes bei Panikstörungen nahe, einen Teil der Ätiologie
der Störung und hier v.a. kognitionspsychologische und verhaltenstheoretische
Ansätze hirnbiologisch zu untermauern. Dem präfrontalen Kortex kommt, wie
Läsionsstudien, neuropsychologische Testungen sowie Studien mit bildgebenden
Verfahren gezeigt haben, eine wichtige Rolle bei der supramodalen Assoziation
und Integration aller Wahrnehmungen, sowie der Planung und Steuerung des
Verhaltens zu. Zu berücksichtigen ist aber, dass die Funktion des präfrontalen
Kortex noch zu wenig verstanden wird, um eine umfassende Erklärung der
ätiologischen Relevanz einer präfrontalen Liquorraumerweiterung bei
Panikstörungen zu ermöglichen, zumal präfrontale Funktionen auch bei
endogenen Psychosen gestört sind. Im Gegensatz zu Schizophrenien und
endogenen Depressionen waren bei den Patienten mit Panikstörungen jedoch
keine hirnmorphologischen Auffälligkeiten im Bereich des temporalen Kortex, der
Seitenventrikel oder des 3. Ventrikels, soweit qualitativ-computertomographisch
beurteilbar, festzustellen. Allerdings spielen in anderen Untersuchungen gerade
temporale Funktionsstörungen bei der Panikstörung eine wesentliche
Rolle.
Pharmakologische Forschung
1968 berichtete erstmals Pitts, dass Natriumlaktatinfusionen bei Patienten
mit Angsterkrankungen Panikattacken auslösen können. Seitdem wurde eine
Vielzahl von Maßnahmen gefunden, die geeignet sind experimentell Panikattacken
auszulösen. (Koffein, Isoproptenerol ein Betaagonist, Yohimbin, m-CPP =
m-Chlorophenypiperzin, Cholezystokinin) . Am einfachsten geht dies mit CO2
Inhalation. Weil dies so unkompliziert zu bewerkstelligen ist, wird dieses
Verfahren in Untersuchungen häufig angewendet. CO2 -Atmung
verursacht bei Patienten mit Panikstörungen und auch bei Frauen mit PMS
deutlich häufiger Panikattacken als bei Gesunden. Was dann in einer
Panikattacke abläuft unterscheidet sich allerdings nicht von dem was bei
Gesunden, (die davor noch nie eine Panikattacke hatten) in einer Panikattacke
abläuft. Wenn eine Panikattacke einmal getriggert ist, nehmen das
Atemminutenvolumen und die Atemfrequenz zu, egal ob der Patient die Diagnose
Panikstörung hat oder nicht. Was das Model, dass Angst vor der Angst Angstattacken
erzeugt unterstützt. Einige Untersucher gehen davon aus, dass besonders beim CO2
eine Art primitiver angeborener Erstickungsreflex ausgelöst wird, der über
eine "Lufthunger" dazu drängt schneller zu atmen und eine beengende
Umgebung zu Gunsten der frischen Luft zu verlassen. Panikattacken könnten in
dieser Theorie ein falscher Alarm eines übersensiblen Erstickungsdetektors
sein. Damit würden sie sich ganz prinzipiell von Erwartungsangst oder
allgemeiner Angst unterscheiden. Experimentelle Untersuchungen stützen diese
Hypothese. Panikattacken könnte also ein
übersensibler Überlebensreflex zu Grunde liegen. In einer
neuen Studie konnten jetzt Battaglia et al, zeigen, dass zentral aktive
Muskarinantagonisten (Biperiden) die Auslösung von Panikattacken durch CO2
Inhalation blockieren können. Der Effekt ließ sich durch einen peripheren
cholinergen Antagonisten nicht erzeugen. Bekannt ist bereits, dass Biperiden bei
Gesunden mit hoher Chemosensitivität gegenüber einer Hyperkapnie* (die
sensibel auf zuviel Kohlendioxid im Blut reagieren) einen
großen Einfluss auf die Atemregulation in dieser Situation hat. Erhöhte
Konzentrationen von inhaliertem CO2 (Hyperkapnie) verursachen bei
allen Menschen eine Erhöhung der Atemfrequenz und ein Arousal*. Die zentrale Chemosensitivität
wurde in der ventralen Medulla lokalisiert einem Hirngebiet mit vielen muscarinergen
Rezeptoren. Eine direkte Stimulation dieses Gebietes mit CO2 führt
zu Hyperventilation, die dramatisch reduziert werden kann wenn man lokal
Muscarinantagonisten appliziert. Unter CO2 Atmung sind in der
ventralen Medulla in Kernspinstudien erhöhte Blutflussraten und allgemeine
Stoffwechselaktivitäten zu beobachten. Die vorliegenden Untersuchungen
machen deutlich, dass cholinerge Neurone im Hirnstamm eine Rolle bei der
durch CO2-induzierten Panik spielen. Unklar bleibt dabei
ob es sich dabei um einen direkten anxiolytischen Effekt, einen Effekt auf die Chemosensitivität
oder andere Aspekte der Atmung, bzw. ein Zusammenwirken auf diese Ursachen
hat. Es ist allerdings unwahrscheinlich, dass die Fehlfunktion eins
einzigen Neurotransmittersystems, oder die Stimulation von Chemorezeptoren
in der Medulla oblongata alleine die komplexe Phänomenologie der Panikattacken
und der Panikstörungen erklären kann. Erstaunlich sind diese Ergebnisse, da
bekannt ist, dass anticholinerge Medikamente auf der Ebene des Hippocampus eher
Angst erzeugen.
Vielfach wurden neuroanatomische Modelle, die die akute Attacke, die Angst
vor der Angst und das phobische Vermeidungsverhalten mit dem Hirnstamm, dem
limbischen System, und dem präfrontalen Cortex in Verbindung brachten
vorgestellt. Nach diesen Modellen kann die Stimulation von
medullären Chemorezeptoren durch CO2 eine dosis-abhängige Zunahme
der Feuerungsrate des Locus coeruleus hervorrufen, einem Gebiet, das generell
eine wichtige Rolle bei Angst spielt. Vielleicht geschieht dies über die
Projektionen des medullären Nucleus reticularis gigantocellularis. Über
Verbindungen des Locus coeruleus zum Hippocampus und zum praefrontalen Cortex,
könnten auch andere Symptome der Panikattacken, wie die Angst vor der
Angst und das phobische Vermeidungsverhalten, initiiert und
aufrechterhalten werden, nachdem die erste Attacke über den Hirnstamm
entstanden ist.
Allerdings hat diese CO2 Hypothese viele Schwachpunkte. Viele
Wissenschaftler gehen eher davon aus, dass die Sensibilisierung der
Chemorezeptoren in der Medulla oblongata ein Sekundärphänomen ist als Reaktion
auf pathologische Antworten aus den limbischen und cortikalen Hirngebieten
auf Angst vor der Angst oder Vermeidungsverhalten. Neuere Modelle
sehen eher die Veränderungen in den Amygdala als Ursprung des Angstkreislaufs.
Jedenfalls scheint die erhöhte Sensibilität auf erhöhte CO2
Konzentrationen bei Menschen mit Panikattacken in limbischen Angstzentren
getriggert zu werden, wobei unzweifelhaft auch eine Sensibilisierung der
Chemorezeptoren im Atemzentrum vorliegt. Letztere Theorie ist am besten mit dem
unzweifelhaften Angstkreislauf (Angst vor der Angst macht die Angstattacken) und
der Wirksamkeit der Verhaltenstherapie bei dieser Störung vereinbar. Durch
experimentelle Stimulation der Amygdala bei Menschen und Säugetieren kann man
ähnliche Zustände erzeugen wie bei Panikattacken. Umgekehrt haben manche
Untersuchungen bei Freiwilligen, bei denen eine Angstreaktion konditioniert
wurde eine nachweisbare Stimulation der Amygdala, des limbischen Systems und des
Hippocampus gesehen.
*Hyperkapnie: ist eine abnorme Anreicherung von Kohlendioxid im Blut
*Arousal: Zu Beginn einer Bedrohung oder Gefahr, wird eine Alarmreaktion
initiiert. Die Alarmreaktion ist charakterisiert durch eine enorme Zunahme der
Aktivität des sympathischen Nerven Systems, hieraus folgt eine Erhöhung des
Pulses und Verstärkung des Herzschlags und dadurch erhöhter Blutdruck, Umleitung
des Bluts aus der Haut in die Skelettmuskeln, Herzkranzgefäße, (kalte Hände,
kalte Füße, blasses Gesicht). Vorbereitung der Kampf- Flucht- Reaktion, um den
Organismus in Leistungsbereitschaft zu versetzen, Anhebung des
Blutzuckerspiegels, Zunahme der Muskelanspannung (Zittern, Schulter-
Nackenverspannungen...), Erhöhung der Stoffwechselgeschwindigkeit, Erweiterung
der Bronchien, Erweiterung der Pupillen, ein Gefühl der Alarmbereitschaft oder
Hypervigilanz, und ein Abschalten aller nicht für die Situation wichtigen
Informationen. All dieses bereitet den Körper für eine Verteidigung - für
einen Kampf - oder für Flucht vor der Gefahr vor. Wenn die
Gefahr sich bewahrheitet, kann eine voll ausgebildete Kampf- Flucht-
Reaktion aktiviert werden.
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