Karl C. Mayer, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, Psychoanalyse

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Zum Umgang mit  Aphasikern (nach Ratgeber Aphasie)Ralf Rokitta Krankenhaus Lindenbrunn

Äußere Bedingungen

  • Die sprachgesunden Gesprächspartner sollten darauf achten, daß die Sprachgestörten ihnen zugewandt und wirklich aufnahmebereit sind (Aufmerksamkeit auf sich lenken, Blickkontakt).
  • Menschen mit Aphasien benötigen schon für das Verstehen ihre gesamte Aufmerksamkeit. Es ist also ratsam, nicht zwei oder mehrere Dinge gleichzeitig zu tun, wie etwa Laufen und sich dabei unterhalten. Hintergrundgeräusche, wie Radio oder Straßenlärm, können von Sprachgestörten nur sehr schwer ausgeblendet werden und stören sie mehr als Sprachgesunde.
  • Gespräche in einer Gruppe von mehreren Menschen sind für Menschen mit Aphasien weitaus schwieriger zu verstehen als solche mit einer einzelnen Person.

4.2. Allgemeine Kommunikationsregeln

  • Behandeln Sie den aphasischen Menschen als gleichwertigen Kommunikationspartner!
    Reden Sie ruhig und etwas langsamer, aber ganz natürlich und mit normaler Satzmelodie. Es ist nicht nötig, übermäßig betont, ausführlich und mit vielen Wiederholungen in erhöhter Lautstärke zu sprechen. Das würde den Betroffenen nur kränken, weil er sich nicht erwachsenengerecht angesprochen fühlt.
  • Versuchen Sie, Ihrem aphasischen Partner auch und gerade im sprachlichen Bereich möglichst weitgehende Selbständigkeit zu lassen.
  • Nehmen Sie dem von Aphasie Betroffenen nicht das Sprechen ab, wenn er oder sie sich selbst ausdrücken kann, auch wenn es länger dauert.
    Es ist ganz normal, wenn Sie aufgrund von ungewohnt langen Pausen, die der Betroffene macht, nervös, ungeduldig, "kribbelig" werden, es kommt nur darauf an, daß Sie ihm diese Pausen zugestehen und ihn nicht mit Ihren eigenen Worten unterbrechen. Das ist besonders wichtig, da manche Menschen mit Aphasie Wörter, die sie von anderen hören ungewollt selbst aussprechen, obwohl sie eigentlich etwas anderes meinen ("Perseveration").
  • Sprechen Sie Menschen mit Aphasien nicht Wörter vor mit der Aufforderung, sie zu wiederholen (es sei denn, der Betroffene wünscht dieses ausdrücklich).
  • Sprechen Sie nicht vor Dritten über ihn, als ob er gar nicht vorhanden wäre, sondern versuchen Sie, ihn immer ins Gespräch mit einzubeziehen, auch wenn er sich selbst nicht äußern kann (z.B. "Wir wollten doch noch sagen, daß du...")

Darüber hinaus gibt es ein paar allgemeine Regeln, wie die Verständigung mit Menschen mit schweren aphasischen Störungen erleichtert werden kann. Mit ihrer Hilfe ist es möglich, auch schwer Sprachbehinderte in Gespräche und Entscheidungsprozesse mit einzubeziehen oder ihre Bedürfnisse und Wünsche zu erfahren. Es ist wichtig, sich darum immer wieder zu bemühen, damit die Betroffenen nicht resignieren, sich abkapseln und ihre sprachlichen Fähigkeiten zunehmend verkümmern.

4.3. Hinweise für die Verständigung bei schweren Aphasien:

  • Es ist im Umgang mit Menschen mit Globaler Aphasie immer an die Möglichkeit zu denken, daß sie entgegen aller Erwartung doch verstehen. Dies geschieht meist dann, wenn es um persönliche Belange geht. Man sollte es also vermeiden, über ihren Kopf hinweg zu sprechen, ohne sie in das Gespräch mit einzubeziehen.
  • Begleiten Sprachgesunde ihre sprachlichen Äußerungen durch Mimik, Gestik, Aufzeichnen oder Zeigen von Gegenständen, so steigt die Wahrscheinlichkeit , daß sie von den Patienten verstanden werden. Es muß dabei jedoch nichtsprachlich wirklich dasselbe ausgedrückt werden wie sprachlich.
  • Hören Sie nicht nur auf das was, sondern auch wie es gesagt wird: Auch wenn Betroffene nur wenige oder gar keine Wörter sprechen können, so kann man oft an der Betonung hören, ob sie zustimmen, ablehnen oder etwas wissen möchten.
  • Man sollte sich Zeit lassen und nicht zu schnell sprechen. Eventuell trägt es auch zum Verstehen bei, wenn das Gesagte wiederholt oder in anderen Worten nochmals formuliert wird. Themenwechsel sollten nicht abrupt vollzogen werden.
  • Erfragen Sie nicht Dinge, von denen der Betroffene weiß, daß sie Ihnen selbst bekannt sind (z.B. "Wo wohnst Du? Wohnst Du in Hannover ??").
  • Man sollte Menschen mit Aphasien nicht verbessern, wenn sie ein falsches Wort sagen. Wichtig ist, ob man versteht, worum es geht. Oft hängen "falsche" Wörter thematisch mit dem zusammen, was der Betroffene eigentlich ausdrücken will, manchmal haftet er aber auch an einem vorher genannten Begriff. Wenn man Zweifel hat, ob der Betroffene das antwortet, was er wirklich meint, sollte man eine Frage stellen: "Meinst Du ....?"
  • Sucht ein aphasischer Mensch offensichtlich nach einem bestimmten Ausdruck, so kann man durch Raten ("Meinst du ...?") mithelfen.
  • Bei schweren Verständigungsproblemen kann es helfen, wenn Fragen so gestellt werden, daß man sie mit "ja" oder "nein" beantworten kann (z.B. "War der Briefträger schon da?" statt "Was ist alles passiert?").
  • Häufig wird es trotz allem nicht gelingen, herauszubekommen, was der Betroffen sagen möchte. Trotzdem sollte er durch Sie die Gewißheit bekommen, daß seine Absicht gleich, bald oder zumindest später, bei einem erneuten Versuch, verstanden werden will. Hier könnte hilfreich sein, zu sagen: "Wir finden es heraus - fang noch mal an!" oder "Wir versuchen es später noch einmal herauszufinden".
  • Manchmal kann es auch helfen, ein Stichwort aufzuschreiben.
  • Manche von Aphasie Betroffene können trotz schwerster Sprachstörungen noch singen. Wenn Ihr Angehöriger vor der Erkrankung gern gesungen hat, versuchen Sie es ruhig einmal mit ihm gemeinsam. Auch wenn der Betroffene den Text vielleicht nicht richtig aussprechen kann, so ist es doch eine wichtige Erfahrung überhaupt noch Sprache produzieren zu können.

4.4. Häufige Ursachen von Mißverständnissen

Folgende Probleme tauchen in der Verständigung bei schweren Aphasien immer wieder auf:

  • "Ja"-und-"nein"-Verwechslung: Es besteht die Möglichkeit, daß Sprachgestörte "ja" und "nein" verwechseln. Manchmal können sie von einer einmal gefundenen Antwort nicht mehr abrücken und wiederholen sie ständig, obwohl sie eigentlich das Gegenteil meinen (Perseveration). Es kommt auch oft vor, daß sie "ja" antworten, ohne etwas verstanden zu haben.
  • Echolalie: Einige Betroffene wiederholen Fragen oder Äußerungen der Gesprächspartner, ohne etwas vom Sinn zu verstehen. Dadurch kann irrtümlicherweise der Eindruck entstehen, sie hätten das Gesagte verstanden.
  • Die spontane Gestik und Mimik einiger Patienten vermittelt häufig, mag sie auch noch so ausgeprägt und eindrucksvoll sein, keine eindeutig interpretierbare Information. Dadurch entsteht oft mehr Verwirrung als Klarheit.
  • Manche Betroffene (mit Wernicke-Aphasie) sprechen flüssig und viel, das Gesagte ist aber wenig verständlich. Als Gesprächspartner sollte man sie immer wieder darauf aufmerksam machen, wenn man etwas nicht verstanden hat. Tut man dieses selten oder nie, können große Mißverständnisse entstehen weil die Betroffenen ja oft denken, sie hätten sich verständlich ausgedrückt.

 

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