Karl C. Mayer, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, Psychoanalyse

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Vorurteile und ihre Wirkungen in der Medizin

Vorurteile gegen psychisch Kranke sind ein wesentliches Hemmnis in der Behandlung. Sie erschweren die Suche nach Hilfe und vor allem die oft zur Verhütung einer Chronifizierung notwendige Früherkennung. Hier sollen, soweit in einem kurzen Artikel möglich, die Hintergründe etwas aufgehellt werden.

Vorurteile haben auch ihre Vorzüge; nur wenn man diese versteht, kann man sinnvoll mit ihnen umgehen, ohne beim Versuch, sie abzubauen, neue zu schaffen.Vorurteile haben eine nützliche Orientierungsfunktion in sozialen Kontakten. Die in ihnen enthaltenen Vorstellungen, Verhaltensanweisungen und Erwartungen strukturieren Situationen im voraus, verringern somit Unsicherheiten, bieten Entscheidungshilfen. Sie führen jedoch auch zu einer selektierten und verzerrten Wahrnehmung und machen somit neue Erfahrungen unmöglich. In der Psychologie wird dabei vom Primacy-Effekt gesprochen, bei dem der erste Eindruck einer anderen Person meist auch dann noch bestehen bleibt, wenn der Betroffene diesem nicht entspricht. Besonders häufig ist dieser Effekt bei negativen ersten Eindrücken. So werden als dumm, gefährlich oder inkompetent eingestufte Personen von vornherein gemieden und haben nur geringe Chancen zu beweisen, daß diese Etikettierung nicht zutrifft. Die Begegnung mit einem Stigmatisierten (mit einem Vorurteil Belegten) hat für einen 'Normalen' auch eine regulierende Funktion.  Es erfolgt eine Erinnerung an eigene Abweichungstendenzen und der 'Normale' versucht durch Ablehnung, Kontaktvermeidung und soziale Isolierung, sowie dem Herausstellen der eigenen 'Normalität', das Gleichgewicht wieder herzustellen. Die eigene Identität wird auf Kosten des Stigmatisierten stabilisiert. Jede Gruppe definiert sich auch über ihre Grenzen, damit auch über diejenigen, die nicht dazu gehören. Außenseiter haben damit immer eine wichtige, wenn auch für sich selbst negative, Funktion für die Gruppe der Dazugehörigen. Ohne Stigmatisierte wäre es kein Vorteil 'normal' zu sein. Die Ausgrenzung durch die Gesellschaft führt oft zur Gründung von Interessengruppen der Benachteiligten, die dann um ihrer Existenz willen Vorurteile in die Gegenrichtung schüren können. (Was oft genug bei Kranken die Behandlung und Integration ebenso erschwert). Das scheinbare Verständnis geschäftstüchtiger oder sektiererischer Helfer aus dem fundamentalistisch religiösen Lager, wie auch esoterischer Ärzte und Paramediziner wird oft dankbar angenommen. Nach erlebter oder befürchteter Ausgrenzung bieten diese oft eine Gruppenzugehörigkeit und die verführerische Versicherung : Du bist in Ordnung (so lange du an uns glaubst). Dies läßt psychisch Kranke oft  ihre Symptome, um den Preis der Chronifizierung, vorübergehend leichter ertragen. Die Isolierung aus der Gesellschaft wird aber -zunächst unmerklich- weiter vorangetrieben.   Der soziale Ruin wird dadurch nicht selten durch immense unnötige Kosten erheblich beschleunigt. Vorurteile der Betroffenen, die sich jetzt kompensatorisch und mit Unterstüzung der sektiererischen Gruppen gegen die "Schulmedizin", die "Gesellschaft", die "Industrie" usw. richten, verfestigen diesen Prozess. Oft ist dieser Kreislauf dann, in einem Ende mit Verbitterung, nicht mehr aufzulösen. Das angestaute Aggressionspotential solcher Gruppenprozesse läßt auch Medien vor einer kritischen Berichterstattung ängstlich werden. Es wird für Medien dann oft einfacher, Massenhysterien -wie bei der Amalgamproblematik oder ähnlichen-  zu fördern. Geschäftemacher auf Kosten der Wehrlosen bleiben wohlhabend ungeschoren.   Vorurteile beruhen also nicht nur auf Dummheit, wenngleich gilt, je weniger jemand weiß, umso dringender braucht er Vorurteile, um sich zurecht zu finden. 

Vorurteile (und die damit verbundene gesellschaftliche Stigmatisierung) erschweren in erheblichem Maße die Diagnostik und Behandlung neurologischer und psychiatrischer Erkrankungen. Sie behindern in erheblichem Maße die Integration von chronisch Kranken in unserer Gesellschaft. In unserer Leistungsgesellschaft ist der Mythos, daß jeder alles erreichen kann, wenn er nur will und sich zusammen nimmt, eine selbstverständliche Annahme, die durchaus auch eine positive Funktion für die Leistungsmotivation hat.   Leider auch mit der erheblichen Nebenwirkung der Ausgrenzung derer, die wirklich nicht können. Leider auch mit der Nebenwirkung, daß die Betroffenen ihre krankeitsbedingten Einschränkungen als Charakterschwäche, Willensschwäche, Faulheit usw. erleben. Oft werden sie hierbei durch Angehörige und oft genug auch durch Ärzte und andere professionelle Helfer bestärkt. Hierdurch wird oft verspätet Hilfe gesucht und dadurch die Prognose der Erkankung verschlechtert. Mit dazu beigetragen haben im Bereich der Psychiatrie auch einseitige Gleichsetzungen von älteren psychoanalytischen Theorien mit psychiatrischer oder psychologischen Wissenschaft. Trotz gut belegter (großteils) erblicher Grundlagen für Alkoholismus, Nikotinabhängigkeit, Schizophrenie, Depressionen, Angststörungen, Übergewicht..Epilepsie.. wird zunächst ein Schuldiger oder Verantwortlicher, zumindest eine Ursache, gesucht. Wenn man genügend sucht, finden sich dann auch hinreichend "logische Erklärungen"- oft mit der Folge weiterer sozialer Isolierung. So hat der schizophrene kontaktgestörte Patient oft nur die zurecht behütende Mutter. Wenn diese zur Schuldigen für die Erkankung erklärt wird, wird er auch diesen letzten Kontakt verlieren. Oft genug stellt sich nach der fahrlässig vom Psychotherapeuten empfohlenen Scheidung heraus, daß der "an der Depression schuldige" Ehemann der letzte Halt war.  Jeder scheint eine kluge und einfache Erklärung und damit auch einen nicht selten falschen Ratschlag zu haben. Grund genug, oft in der Familie und beim Betroffenen selbst für die Annahme, wo ein Symptom ist, muß ein Versager und ein Schuldiger sein.   Vorurteile werden auch von den Betroffenen selbst als wahr angenommen. Sie erleben sich selbst als defizitär, entwickeln Schamgefühle oder andere passive Reaktionsvarianten (kompensierende Fertigkeiten, Psychosomatik usw.). Diese Reaktionen können wiederum von der Umwelt als Ausdruck der Abweichung aufgefaßt werden. Dadurch bilden Defekt und Reaktion quasi eine nahezu untrennbare Einheit. Es ist daher für den Betroffenen äußert schwierig, aus dieser Stigmatisierung herauszukommen, denn egal wie er sich verhält, jedes Entgegenwirken wird als Bestätigung der zugeschriebenen Eigenschaften angesehen. Dadurch wird es dem Stigmatisierten fast unmöglich gemacht, als vollwertiger Kommunikationspartner Anerkennung zu finden. Weil es ihm schwerfällt zu beurteilen, wie sein Stigma und sein Merkmal vom aktuellen Kommunikationspartner gesehen werden, wird er sich in Kommunkationen unsicher, verlegen, angespannt und ängstlich verhalten. Auf der anderen Seite  lassen Kenntnisse über erbliche Veranlagungen als Ursache oft irrtümlich davon ausgehen, daß man dann ja nichts tun könne. Auch hier wird oft vorschnell auf Grundlage unzureichender Information geurteilt und entschieden. Die Behandlungsprognose bei den meisten psychischen Störungen ist besser als bei chronischen körperlichen Krankheiten. Auch eine genetische Ursache spricht nicht gegen den Erfolg einer Psychotherapie. Entscheidend ist hier meist eine möglichst frühzeitige fachgerechte Behandlung.

Mechanismen der Vorurteile und Faktoren die dazu beitragen, daß die Kranken selbst wie die Umgebung unverhältnismäßig unter deren Folgen zu leiden haben:

  • Sensationsberichterstattung in den Medien
  • Neigung dazu, einfache Lösungen und Erklärungen zu suchen
  • Entlastung durch die einfache Orientierung an übernommenen Vorurteilen
  • Suche nach Sündenböcken, denen nahezu jede Schuld zugewiesen werden kann
  • Mangelndes Bewußtsein über die Größe eines Problems
  • Mangel an aktueller, vollständiger und richtiger Information
  • Drang besser zu sein als andere Mitmenschen
  • Fehlinterpretationen und Fehlwahrnehmungen
  • Das für Laien oft nicht überschaubare Spektrum einer Erkrankung
  • Übertriebene Sorgen über die Sicherheit sowohl bezüglich der Betroffenen als auch der Öffentlichkeit
  • erlernte Hilflosigkeit
  • soziale Toleranz für Vorurteile und Diskriminierung in der Umgebung
  • insuffiziente Forschung über Vorurteile und deren psychosoziale Folgen bei den Erkrankungen
  • Angst vor Mitverantwortung und Haftungsansprüchen
  • Angst durch den Kontakt mit Kranken, ebenfalls dieser Gruppe zugeordnet zu werden.
  • Angst vor dem Andersartigen oder Fremden generell

Eng verknüpft mit Vorurteilen in ihrem Einfluß auf Krakheitsverläufe sind sogenannte Nozeboreaktionen

Tabellarisches Beispiel wie Vorurteile über psychische Störungen bei Betroffenen und Angehörigen zu einer Spirale nach unten mit zunehmend schlechterer Prognose der Erkrankung führen können.

Vorurteile von Betroffenen selbst

  Beispiel über einen häufigen Ablauf aus einer Mischung von Vorurteilen, diesen entgegen kommenden und daran gut verdienenden Medien wie Scharlatanen.
darrow.gif (1049 Byte) Vorteile von Angehörigen Senstationsberichterstattung in den Medien
Schuldgefühle, Versagensgefühle nehmen zu, es kann nicht mehr zwischen nicht wollen und nicht können unterschieden werden

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Vorwürfe und wenig Verständnis, Falsche Ratschläge, Reduktion der Erkrankung auf ein banales Ereignis oder eine banale Ursache. Verweis auf Medienberichte Übertriebene Hoffnungen auf zukünftige medizinische Fortschritte oder alternative Heilmethoden, Propagierung "neuer" nicht abgesicherter Krankheiten. Angstmachende geschürte Vorurteile.

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arrowleft.gif (1046 Byte) Entlastung durch die einfache Orientierung an übernommenen Vorurteilen. Verspätete Aufnahme einer fachgerechten Behandlung, Fehlinterpretationen und Fehlwahrnehmungen, Mißtrauen gegen etablierte Behandlungen
Verschlimmerung der Symptome der Erkrankung, verspäteter Behandlungsbeginn. arrowleft.gif (1046 Byte) Anfälligkeit für Sekten und esotherische Behandlungen

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Selektive Auswahl von Medien die die eigene Sichtweise unterstüzen, Beginn der Identifikation mit einer Aussenseitergruppe gegen die "Schulmedizin", die "Gesellschaft", die "Industrie" usw

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Verschlechterung der Prognose, bei Aufnahme der Behandlung schlechtere Mitarbeit. Schuldzuweisungen und Projektionen, zunehmende Somatisierung Erhebliche Kosten für Alternative aber wirkungslose Behandlungen

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Erschwertes Eingeständnis auf dem falschen Weg zu sein, da außer den "Glaubensbrüdern" immer weniger sozialer Rückhalt vorhanden ist und auch Angehörige vermehrt Vorwürfe machen

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Sich wiederholende Entäuschungen bei Arztbesuchen. häufige Arztwechsel Verweis auf den Facharzt für Psychiatrie oder Psychotherapie wird als Diffamierung gesehen Nicht Einhaltung sinnvoller ärztlicher Ratschläge, je verzweifelter um so mehr Hoffnung auf wirkungslose Aussenseitermethoden Resignation in der Aussenseiterposition mit Vorurteilen gegen alles Etablierte und Überprüfte.

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Soziale Isolierung, Verbitterung, finanzieller Ruin meist dann auch Fallengelassen werden von den Heilsversprechern. Ein weg zurück ist ohne großen Gewichtsverlust bis hin zum Identitätsverlust kaum möglich.